Audiometrie nach DGUV Empfehlung E LRM (Lärm)

HANDLUNGSLEITFADEN

ARBEITSMEDIZINISCHE AUDIOMETRIE

Durchführung des Hörtests bei Lärmarbeitsplatz-Vorsorge mit dem Oscilla A50

Gemäß DGUV Empfehlung E LRM (Lärm) | ArbMedVV | DIN EN ISO 6189 / 8253

 

Gültig ab:

Version 1.1  |  Juni 2025

Erstellt von:

Voss Medizintechnik GmbH

Zielgruppe:

Medizinisches Fachpersonal (Betriebsärzte, MFA)

Gerät:

Oscilla A50 Diagnostisches Audiometer mit AudioConsole-Software

Rechtsgrundlage:

ArbMedVV, DGUV Empfehlung E LRM (2. Auflage 2024)

 

1  RECHTLICHE GRUNDLAGEN & ANWENDUNGSBEREICH

 

Die arbeitsmedizinische Vorsorge bei Tätigkeiten mit Lärmexposition wird durch die Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbMedVV) geregelt. Dieser Leitfaden richtet sich nach der DGUV Empfehlung E LRM – Lärm (2. Auflage 2024) und hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Korrektheit in alles Punkten. Änderungen vorbehalten, diese Anleitung darf nur nach Rückfrage zu weiterer Veröffentlichung verwendet werden. Copyright Voss Medizintechnik 2026

Pflicht- und Angebotsvorsorge

 

Vorsorgetyp

Auslösewert

Pflichtvorsorge

Lₐₜ,₈h ≥ 85 dB(A) oder L₝c,peak ≥ 137 dB(C)

Angebotsvorsorge

Lₐₜ,₈h > 80 dB(A) oder L₝c,peak > 135 dB(C)

Wunschvorsorge

Auf Wunsch der versicherten Person (keine Auslöseschwelle)

 

Voraussetzung: Vor Durchführung muss eine aktuelle Gefährdungsbeurteilung des Unternehmers vorliegen. Die Vorsorge darf nur von Fachärztinnen/-ärzten für Arbeitsmedizin oder mit der Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin durchgeführt werden.

 

2  VORAUSSETZUNGEN VOR DER UNTERSUCHUNG

 

Geräteanforderungen

Das Oscilla A50 erfüllt die Anforderungen an ein Reinton-Audiometer nach DIN EN 60645-1:2018-08 und ist für den Einsatz in der arbeitsmedizinischen Vorsorge zugelassen.

 

Raumanforderungen

Der Störschallpegel im Untersuchungsraum muss so niedrig sein, dass alle Prüftöne noch an der Normal-Hörschwelle (Hörverlust = 0 dB) gehört werden können. Anforderungen können erfüllt werden durch:

  • Schalldämmende Kabine (empfohlen)
  • Schalldämmende Audiometerhörer nach Art der Kapselgehörschützer

 

Zeitlicher Abstand zur Lärmexposition

Die untersuchte Person darf vor der Audiometrie mindestens 14 Stunden keiner Schalleinwirkung mit einem Mittelungspegel Lₐₜₙ ≥ 80 dB(A) ausgesetzt gewesen sein. Konnte dies am Untersuchungstag nicht sichergestellt werden, muss die Person vor der Messung für die Dauer der Exposition einen geeigneten Gehörschutz getragen haben. Befragung zu Knallereignissen vor dem Test!

 

3  OSCILLA A50 – GERÄTEÜBERSICHT & STATUSANZEIGE

 

Das Oscilla A50 ist ein diagnostisches USB-Audiometer, das über die AudioConsole-Software am PC / Notebook bedient wird. Sämtliche Hardware ist in der Antworttaste integriert.

 

Komponente

Funktion

PC mit AudioConsole-Software

Steuerung, Darstellung des Audiogramms, Datenspeicherung

Haupteinheit (USB)

Enthält Audiometerhardware, Verbindung per USB-Stecker

Patienten-Headset

Luftleitungstest (rot = rechts, blau = links)

Knochenleiter

Für Knochenleitungstest (A50 & A60 only)

Patienten-Antworttaste

Patient signalisiert damit, dass er den Ton hört

 

Statusleuchte der Antworttaste

Leuchtfarbe

Bedeutung

Gedämpftes Weiß

Gerät im Ruhezustand, nicht verbunden

Helles Weiß

Aktiv und mit AudioConsole verbunden

Orange

Gerät im Testmodus

Grün (Taste leuchtet)

Patient hat die Antworttaste gedrückt

 

4  ABLAUF DER UNTERSUCHUNG – SCHRITT FÜR SCHRITT

 

1

VORBEREITUNG & PATIENTENAUFNAHME

✓  Gefährdungsbeurteilung liegt vor und wurde eingesehen

✓  Anlass der Vorstellung (Pflicht / Angebot / Wunsch) ist geklärt und dokumentiert

✓  Mindest-Lärmkarenz von 14 Stunden ist sichergestellt oder Gehörschutz wurde getragen

✓  Patient wird über Inhalt, Zweck und Ablauf der Untersuchung aufgeklärt

✓  Frage nach Knallereignis unmittelbar vor der Messung

 

2

ANAMNESE

Allgemeine Anamnese (Erstvorsorge)

Allgemeiner Gesundheitszustand, angeborene Schwerhörigkeit, Mittelohrentzündungen, Trommelfell-/Schädelverletzungen, Ohrenoperationen, ototoxische Medikamente

Arbeitsanamnese (Erstvorsorge)

Konkrete Tätigkeit, Exposition gegenüber Dauerlärm/Ultraschall/Knallereignissen, frühere und außerberufliche Lärmexpositionen

Beschwerden (Erst- und Folgevorsorge)

Hörminderung, Tinnitus, Schwindel, Ohrenschmerzen; Dauer und zeitliche Entwicklung, Auswirkungen auf Alltag

Ergänzend bei Folgevorsorge

Zwischenzeitliche Erkrankungen, subjektive Veränderung des Hörvermögens, Akzeptanz/Probleme mit PSA, Kommunikationsprobleme

 

3

INSPEKTION DES AUSSENOHRS (OTOSKOPISCH)

✓  Beide Ohren inspizieren vor Anlegen des Headsets

Befund dokumentieren: unauffällig / auffällig (Cerumen, Entzündung, Sekret, Hautveränderungen, Trommelfellveränderungen)

 

⚠  Auffälliger Ohrbefund → Ergänzungsuntersuchung Lärm II anzeigen!

 

4

GERÄTEVORBEREITUNG – OSCILLA A50

✓  AudioConsole-Software starten und Patientendaten anlegen

✓  USB-Verbindung prüfen: Statusleuchte leuchtet hell weiß

✓  Headset anlegen: rot = rechtes Ohr, blau = linkes Ohr

✓  Korrekte Positionierung der Hörer prüfen (Muschel dicht schließend, Kabel nach unten)

✓  Patienten-Antworttaste übergeben und Funktion erklären

✓  Startfrequenz: 1 kHz | Startpegel: -10 dB | Startseite: rechts oder nach Weber-Test-Ergebnis (s.Kapitel Weber Test)

 

 

 

 

5

PATIENTENINSTRUKTION

Empfohlene Instruktion (wörtlich oder sinngemäß):

"Sie werden gleich sehr leise Töne verschiedener Höhen hören. Drücken Sie bitte immer die Antworttaste, solange Sie einen Ton hören – auch wenn er sehr leise ist. Lassen Sie die Taste los, wenn Sie nichts mehr hören."

✓  Verständnis bestätigen lassen

✓  Bei Unsicherheit: kurze Demonstrationstöne bei komfortablem Pegel (z. B. 40 dB bei 1 kHz)

 

6

DURCHFÜHRUNG LÄRM I – TONAUDIOMETRIE LUFTLEITUNG

Pflichtfrequenzen (Lärm I): 1 – 2 – 3 – 4 – 6 kHz | beide Ohren

Norm: DIN EN ISO 6189 (für Lärm I)

 

Ablauf im AudioConsole Bedienpanel:

1. Ausgangswandler: LL (Luftleitung) | Ohr: rechts

2. Startfrequenz 1 kHz, Startpegel -10 dB – ggf. automatischer Test (Hughson-Westlake)

3. Patient antwortet → Pegel wird erhöht; keine Antwort → Pegel wird um 5dB angehoben

4. Schwelle = niedrigster Pegel, bei dem der Patient auf ≥ 2 von 3 Darbietungen reagiert

5. Frequenz wechseln (Reihenfolge: 1 → 2 → 3 → 4 → 6 kHz)

6. Seitenwechsel: linkes Ohr, gleiche Reihenfolge

 

⚠  Schallreize über 100 dB HL nicht länger als 1,5 Minuten – Sicherheitshinweis Oscilla!

 

7

AUSWERTUNG & ENTSCHEIDUNG NACH LÄRM I

Prüfen: Hörverlust (LL) ≥ Tabelle 1 auf mindestens einem Ohr bei mehr als einer Frequenz?

JA → Ergänzungsuntersuchung Lärm II einleiten

NEIN → Abschließende Beratung, Vorsorgebescheinigung ausstellen

 

Prüfen: Auffälliger Ohrbefund in Schritt 3?

JA → Ergänzungsuntersuchung Lärm II einleiten

 

 

 

 

5  AUSWERTUNGSTABELLEN – HÖRVERLUSTGRENZWERTE (DGUV E LRM)

 

Tabelle 1 – Grenzwerte für Erstuntersuchungen (Lärm I)

Auslöser für Ergänzungsuntersuchung Lärm II: Hörverlust (LL) auf mind. einem Ohr bei mehr als einer Testfrequenz überschreitet den altersabhängigen Grenzwert.

 

Frauen

Lebensalter (Jahre)

1 kHz

2 kHz

3 kHz

4 kHz

6 kHz

≤ 30

15 dB

15 dB

15 dB

15 dB

15 dB

30 – 35

15 dB

15 dB

20 dB

20 dB

25 dB

35 – 40

15 dB

15 dB

20 dB

20 dB

25 dB

40 – 45

15 dB

20 dB

20 dB

25 dB

25 dB

> 45

20 dB

20 dB

25 dB

25 dB

30 dB

 

Männer

Lebensalter (Jahre)

1 kHz

2 kHz

3 kHz

4 kHz

6 kHz

≤ 30

15 dB

15 dB

15 dB

15 dB

15 dB

30 – 35

15 dB

15 dB

20 dB

20 dB

25 dB

35 – 40

15 dB

15 dB

20 dB

25 dB

30 dB

40 – 45

15 dB

20 dB

25 dB

30 dB

35 dB

> 45

20 dB

25 dB

30 dB

35 dB

40 dB

 

Hinweis: Bei Schallleitungsstörung (Luft-Knochen-Differenz ≥ 15 dB bei mind. 2 Frequenzen) gilt die Tabelle für Knochenleitung statt Luftleitung.

 

Tabelle 2 – Grenzwerte für Folgeuntersuchungen (Lärm I)

Auslöser für Ergänzungsuntersuchung Lärm II: Hörverlust-Summe bei 2, 3 und 4 kHz auf mind. einem Ohr überschreitet den Grenzwert.

 

Lebensalter (Jahre)

Frauen – Summe 2+3+4 kHz

Männer – Summe 2+3+4 kHz

≤ 20

40 dB

40 dB

20 – 25

40 dB

40 dB

25 – 30

40 dB

40 dB

30 – 35

50 dB

50 dB

35 – 40

50 dB

55 dB

40 – 45

60 dB

70 dB

45 – 50

65 dB

85 dB

> 50

100 dB

125 dB

 

Zusätzliches Auslösekriterium (Folgevorsorge): Zunahme der Hörverlustsumme bei 2, 3 und 4 kHz > 30 dB gegenüber der letzten Untersuchung (innerhalb von höchstens 3 Jahren).

 

Tabelle 3 – Grenzwerte für Ergänzungsuntersuchungen (Lärm II/III)

Auslöser für erweiterte Ergänzungsuntersuchung Lärm III: Hörverlust bei 2 kHz auf mind. einem Ohr.

 

Geschlecht

Hörverlust bei 2 kHz

Frauen

25 dB

Männer

30 dB

 

6  ERGÄNZUNGSUNTERSUCHUNGEN LÄRM II UND LÄRM III

 

Lärm II – Indikationen

Die Ergänzungsuntersuchung Lärm II ist angezeigt bei:

  • Auffälligem Ohrbefund (Otoskopie)
  • Hörsturz in der Vorgeschichte
  • Hörstörungen oder Ohrgeräusche mit Schwindelanfällen
  • Entzündungen im Gehörgang oder an der Ohrmuschel
  • Hörverlust (LL) über Tabelle 1 bei Erstuntersuchung (mind. 2 Frequenzen, mind. 1 Ohr)
  • Verschlechterung der Hörverlustsumme > 30 dB innerhalb von max. 3 Jahren (Folgevorsorge)
  • Hörverlust bei 2 kHz auf mind. einem Ohr ≥ Tabelle 3
  • Hörverlustsumme auf mind. einem Ohr > Tabelle 2

 

Lärm II – Durchführung

Untersuchung

Details

Otoskopie

Eingehende Inspektion des Gehörgangs und Trommelfells

WEBER-Test

Stimmgabel 512 Hz auf Schädelmitte – Lateralisation?

Tonaudiometrie LL

Erweitertes Spektrum: 0,5 – 8 kHz (DIN EN ISO 8253)

Tonaudiometrie KL

Knochenleitung: 0,5 – 4 kHz (oder 6 kHz, je nach Gerät)

Am Oscilla A50

Knochenleiter anschließen (rechte Rückseite, tief eindrücken!), im Bedienpanel KL-Modus wählen

 

Lärm III – Indikation & Umfang

Lärm III ist angezeigt, wenn der Hörverlust (Lärm II) bei 2 kHz auf beiden Ohren die Grenzwerte aus Tabelle 3 erreicht oder überschreitet.

 

Erweiterte Ergänzungsuntersuchung Lärm III umfasst:

  • Otoskopische Untersuchung
  • Tonaudiometrie in Luft- und Knochenleitung (vollständig)
  • Sprachaudiogramm für beide Ohren (Hörverlust für Zahlen, Einsilbenverständlichkeit bei 50, 65, 80 und 95 dB; Testmaterial nach DIN 45621 und DIN 45626)
  • In den meisten Fällen wird hier an eine HNO-Praxis verwiesen

 

Hinweis: Von einer erneuten Lärm III kann abgesehen werden, wenn die Hörverluste gegenüber der letzten Nachuntersuchung nicht weiter zugenommen haben.

 

7  BEURTEILUNG & MASSNAHMEN

 

Befundkategorie

Konsequenz

Unauffällig

Keine Maßnahmen, abschließende Beratung, Vorsorgebescheinigung (nächster Termin gemäß AMR 2.1)

Maßnahmen empfohlen (7.4.2)

Leichtere Befunde: Prüfen ob Aufnahme/Fortsetzung unter Bedingungen möglich (z. B. PSA, begrenzte Exposition). Unternehmensberatung.

Verkürzte Fristen (7.4.3)

Progrediente oder schwere Befunde: Folgevorsorge in 12 oder 24 Monaten statt Standard-Frist

 

Relevante Diagnosen für die Beurteilung

  • Beginnende, zunehmende oder ausgeprägte Lärmschwerhörigkeit
  • Endogene Schwerhörigkeit (angeboren, Mittel-/Innenohr, Hörnerven)
  • Traumatische Ereignisse mit Hörverlust
  • Unklare audiologische Befunde
  • Erkrankungen des äußeren Ohrs, die Gehörschutz einschränken (z. B. Ekzem, Sekretionen)

 

Fehlermeidung bei der Audiometrie

Falschpositive Befunde entstehen besonders, wenn zu schnell audiometriert wird. Normen DIN ISO 6189 (Lärm I) und DIN ISO 8253 (Lärm II) einhalten. Schallleitungsstörung beachten: Luft-Knochen-Differenz ≥ 15 dB bei mind. 2 Frequenzen → Knochenleitung für Beurteilung heranziehen.

 

8  DOKUMENTATION & ABSCHLUSS

 

1

Audiogramm in AudioConsole speichern und ausdrucken (Dokumentationsbogen "Lärm I" gemäß DGUV Anhang 5)

2

Abschließende Beratung: individuelle Schutzmaßnahmen, PSA-Trageverhalten, Bedeutung des Befundes

3

Vorsorgebescheinigung gemäß AMR 6.3 ausstellen (Anlass + nächster Vorsorgetermin)

4

Ggf. Rückmeldung an Unternehmer, wenn Schutzmaßnahmen unzureichend erscheinen (§ 6 Abs. 4 ArbMedVV)

5

Bei Lärm II / III: Dokumentationsbogen "Lärm II" bzw. "Lärm III" (DGUV Anhang 5) vervollständigen

 

9  OSCILLA A50 – SCHNELLREFERENZ AUDIOCONSOLE

 

Manueller Hörtest (Standardmodus)

Funktion

Bedienung

Ton präsentieren

Lautsprecher-Symbol (Nr. 4) klicken oder Tastatur (Standard: Leertaste)

Pegel erhöhen / senken

Pfeiltasten auf/ab (oder Maus auf Pfeil-Symbole)

Frequenz wechseln

Pfeiltasten links/rechts

Ohr wechseln (L/R)

Taste E (Standard) oder Klick auf L/R-Symbol

Symbol "gehört" setzen

Patientenantwort → Symbol automatisch, oder G-Taste

Schrittgröße wählen

1 dB / 2 dB / 5 dB – 5dB ist Standard, Auswahl im Bedienpanel (Nr. 12)

 

Automatischer Test (Hughson-Westlake – empfohlen für Screening)

Empfohlene Einstellung für Lärmvorsorge: Hughson-Westlake-Test (2 von 3 Antworten erforderlich). Startpegel 20 dB, Startfrequenz 1 kHz, Startseite rechts.

  • Setup → "automatischer Hörtest" → Hughson-Westlake-Test auswählen
  • Startpegel: 0 dB | Max. Pegel: 70 dB | Min. Pegel: -10 dB
  • Tondauer: 1 s | Antwortzeit: 2 s | Zufallsintervall: 2 – 2 s
  • Test starten: Symbol Zahnräder im Bedienpanel ("Automatische Prüfung starten")

 

KNOCHENLEITUNGSMESSUNG IN DER AUDIOMETRIE

Praxisanleitung | Diagnostischer Hintergrund & Durchführung | Oscilla A50

 

DIAGNOSTISCHER HINTERGRUND – WARUM KNOCHENLEITUNG MESSEN?

 

Das Audiogramm allein zeigt, ob jemand schlecht hört – aber nicht warum. Erst die Kombination aus Luft- und Knochenleitungsmessung erlaubt die Differenzierung zwischen den drei klinisch relevanten Schwerhörigkeitstypen. Die Knochenleitung ist dabei der Schlüssel: Sie misst die Funktion des Innenohrs direkt, ohne den Umweg über Außen- und Mittelohr.

DER SCHALLWEG – LUFT- VS. KNOCHENLEITUNG

Bei der Luftleitungsmessung (LL) nimmt Schall den physiologischen Weg: Gehörgang, Trommelfell, Gehörknöchelchen, Innenohr (Cochlea), Hörnerv. Eine Störung an jedem dieser Stationen erhöht die Luftleitungsschwelle.

Bei der Knochenleitungsmessung (KL) wird der Schädelknochen direkt durch den Knochenleitungsvibrator in Schwingung versetzt. Die Vibration erreicht die Cochlea, ohne Außen- oder Mittelohr zu passieren. Die Knochenleitungsschwelle spiegelt damit ausschließlich die Funktion von Innenohr und Hörnerv wider.

DIE LUFTKNOCHENDIFFERENZ (AIR-BONE GAP) ALS DIAGNOSTISCHES WERKZEUG

Die Differenz zwischen Luft- und Knochenleitungsschwelle – die Luftknochendifferenz (LKD) – ist das zentrale diagnostische Kriterium. Klinisch relevant ist eine LKD ab ca. 15 dB (innerhalb von 10 dB gilt als messtechnisch normal).

 

Schwerhörigkeitstyp

Luftleitung

Knochenleitung

Luftknochendifferenz

Schallleitungs-schwerhörigkeit

Erhöht

Normal (≤ 20 dB HL)

Vorhanden (≥ 15 dB)

Schallempfindungs-schwerhörigkeit

Erhöht

Gleich erhöht wie LL

Nicht vorhanden (< 15 dB)

Kombinierte Schwerhörigkeit

Erhöht

Erhöht, aber geringer als LL

Vorhanden trotz erhöhter KL

 

Klinische Bedeutung: Die Knochenleitungsschwelle zeigt die sogenannte Innenohrreserve – das Hörvermögen, das nach Behandlung einer Schallleitungsstörung (z.B. nach Paukenröhrchen, Stapesplastik) verbleiben würde. Sie ist damit auch für die Prognose und Therapieplanung entscheidend.

 

 

 

 

DURCHFÜHRUNG DER KNOCHENLEITUNGSMESSUNG AM OSCILLA A50

 

VORAUSSETZUNGEN UND VORBEREITUNG

■  Die Luftleitungsaudiometrie muss vor der Knochenleitungsmessung abgeschlossen sein. Die LL-Schwellen liefern die Referenz für die Vertäubungsentscheidung.

■  Den Knochenleitungsvibrator auf dem Mastoid (Warzenfortsatz) des zu testenden Ohrs positionieren. Der Mastoid liegt unmittelbar hinter der Ohrmuschel.

■  Das Stirnband des Vibrators muss fest, aber komfortabel anliegen. Haare zwischen Vibrator und Haut sind zu vermeiden – sie dämpfen die Übertragung und erhöhen die Schwelle artefiziell.

■  Den Kopfhörer auf dem Gegenohr aufsetzen – er wird für die Vertäubung benötigt, auch wenn der Patient zu Beginn möglicherweise noch keinen Ton hört.

Hinweis zur Platzierung: Der Vibrator darf nicht die Ohrmuschel berühren. Kontakt mit dem Knorpel erzeugt Störgeräusche und verfälscht das Ergebnis. Bei kurzen Haaren ggf. prüfen, ob das Band ausreichend Druck aufbaut.

 

FREQUENZAUSWAHL

Die Knochenleitung wird standardmäßig bei 500, 1000, 2000 und 4000 Hz gemessen. Bei 250 Hz ist die Knochenleitungsmessung wenig zuverlässig, da Patienten die Vibration taktil wahrnehmen können und keine valide Hörschwelle angeben. Bei 4000 Hz und darüber nimmt die Übertragungsqualität des Vibrators ab; Werte sind mit Vorsicht zu interpretieren.

VERTÄUBUNG – ZWINGEND ERFORDERLICH

Da die interaurale Dämpfung bei der Knochenleitung praktisch null beträgt, hört das Gegenohr jeden Knochenleitungsreiz mit. Ohne Vertäubung misst man stets das bessere der beiden Ohren – unabhängig davon, auf welcher Seite der Vibrator liegt.

■  Empfehlung: Knochenleitungsmessungen grundsätzlich immer mit Vertäubung des Gegohrs durchführen.

■  Vertäubung über den Kopfhörer (Luftleitung) im Gegenohr; Startpegel und Stufenfolge gemäß 40-60-80-Regel oder gleitender Vertäubung (siehe separate Anleitung).

■  Setup AudioConsole für gleitende Vertäubung bei KL: Startpegel 0 dB, Schritte 5 dB.

Hinweis Gerätebedienung: Die Kanalzuweisung (Vibrator Test-Ohr, Kopfhörer Gegenohr) sowie die Aktivierung der Vertäubungsfunktion erfolgt über die AudioConsole-Oberfläche. Tastenkombinationen können in der deutschen Softwareversion abweichen – bitte an der Bildschirmoberfläche orientieren.

 

MESSPEGEL UND VORGEHEN

  1. Audiometer auf Knochenleitungskanal (Vibrator) umschalten; Gegenohr-Kanal mit Vertäubungsrauschen vorbereiten.
  2. Startpegel ca. 10–20 dB oberhalb der LL-Schwelle des Testohrs wählen, um schnell in den Schwellenbereich zu kommen.
  3. Schwelle in 10-dB-Schritten absteigend suchen, Bestätigung in 5-dB-Schritten aufsteigend (Hughson-Westlake-Methode wie bei LL).
  4. Dabei kontinuierlich prüfen, ob Vertäubungspegel ausreicht (keine Schattenkurve) und ob Übermaskierung droht (1:1-Verschiebung der Schwelle bei Erhöhung der Maskierung).
  5. Schwellenwert eintragen (< im Audiogramm für rechts, > für links; gefüllte Symbole bei Vertäubung).
  6. Verfahren für das andere Ohr wiederholen – Vibrator ummontieren, Kopfhörer wechseln.

AUDIOGRAMM-SYMBOLE KNOCHENLEITUNG

Im Audiogramm werden Knochenleitungswerte mit eigenen Symbolen eingetragen, um sie von Luftleitungswerten zu unterscheiden. Die gängige Konvention – auch in der AudioConsole:

■  Rechtes Ohr, ohne Vertäubung: <  (Winkel nach rechts offen, rot)

■  Linkes Ohr, ohne Vertäubung: >  (Winkel nach links offen, blau)

■  Mit Vertäubung: jeweils gefüllte Variante des Symbols ([ bzw. ])

Hinweis: Die genaue Symboldarstellung in der AudioConsole folgt dem jeweiligen Normstandard (DIN/ISO). Bei abweichenden Legenden bitte die Gerätedokumentation konsultieren.

 

BEFUNDINTERPRETATION – ZUSAMMENFÜHRUNG MIT DER LUFTLEITUNG

 

Nach Abschluss beider Messreihen liegen Luft- und Knochenleitungskurve im Audiogramm vor. Die Diagnose ergibt sich aus dem Vergleich:

Normalbefund: Beide Kurven parallel und normal: kein Hörverlust.

Schallleitungsschwerhörigkeit: LL erhöht, KL normal, LKD ≥ 15 dB: Schallleitungsstörung. Ursache im Außen- oder Mittelohr (Cerumen, Paukenerguss, Otosklerose u.a.).

Schallempfindungsschwerhörigkeit: LL und KL gleich erhöht, keine LKD: Innenohr- oder Hörnervstörung. Typisch bei Lärmschwerhörigkeit, Alterschwerhörigkeit (Presbyakusis), Medikamenten-ototoxizität.

Kombinierte Schwerhörigkeit: KL erhöht, LL noch höher, LKD vorhanden: Innenohrschaden mit zusätzlicher Schallleitungskomponente. Häufig bei chronischer Mittelohrentzündung mit begleitendem Innenohrschaden.

Arbeitsmedizinischer Fokus: Bei der DGUV-Lärmvorsorgeuntersuchung steht die Schallempfindungsschwerhörigkeit im Vordergrund (lärminduziert, cochleär). Die Knochenleitungsmessung bestätigt, dass ein gemessener Luftleitungsverlust tatsächlich cochleären Ursprungs ist und nicht durch eine behandelbare Schallleitungskomponente erklärt werden kann – ein wichtiger Befund für die korrekte Einordnung nach DGUV Tabelle 1 und 2.

 

 

KURZÜBERBLICK: ABLAUF KNOCHENLEITUNGSMESSUNG

 

  1. Weber-Test vorab: Lateralisierung bestimmen, besseres Ohr identifizieren.
  2. Luftleitungsaudiometrie beider Seiten abschließen.
  3. Vibrator auf Mastoid des Testohrs; Kopfhörer auf Gegenohr für Vertäubung.
  4. Vertäubungskanal aktivieren (gleitende Vertäubung oder 40-60-80-Regel).
  5. Schwellen bei 500, 1000, 2000 und 4000 Hz messen; Symbole korrekt eintragen.
  6. Seite wechseln; Vibrator und Kopfhörer ummontieren; Messung wiederholen.
  7. Luftknochendifferenz bestimmen und Schwerhörigkeitstyp dokumentieren.

 

 

VERTÄUBUNG IN DER AUDIOMETRIE

Praxisanleitung | Luft- und Knochenleitung | Oscilla A50 & AudioConsole

 

Vertäubung (Maskierung) ist in der Audiometrie erforderlich, wenn das nicht getestete Ohr (Gegenohr) durch Schallübertragung über den Schädel Testtöne mithört und das Ergebnis verfälscht. Ohne korrekte Vertäubung riskiert man eine Schattenkurve – ein Audiogramm, das nicht die Hörschwelle des Testohrs, sondern die des besseren Gegohrs zeigt.

WANN MUSS VERTÄUBT WERDEN?

 

GRUNDPRINZIP: INTERAURALE DÄMPFUNG

Schall, der über Kopfhörer auf das Testohr gegeben wird, überträgt sich durch den Schädelknochen auf das Gegenohr. Diese Übertragungsdämpfung beträgt bei Supra-aural-Kopfhörern (wie TDH39) ca. 40 dB für Luftleitung. Bei der Knochenleitungsmessung ist die interaurale Dämpfung nahezu null – der Vibrator erregt beide Cochleae gleichzeitig.

ENTSCHEIDUNGSREGEL LUFTLEITUNG (LL)

■  Vertäubung ist erforderlich, wenn die gemessene Luftleitungsschwelle des Testohrs die beste Knochenleitungsschwelle des Gegenohrs um mehr als 40 dB überschreitet.

■  Kurzformel: LL-Schwelle Testohr minus beste KL-Schwelle Gegenohr > 40 dB → vertäuben.

ENTSCHEIDUNGSREGEL KNOCHENLEITUNG (KL)

■  Bei der Knochenleitung ist die interaurale Dämpfung praktisch null. Schon ab einer Seitendifferenz von 5 dB kann das bessere Ohr mithören.

■  Empfehlung: Knochenleitungsmessungen grundsätzlich immer vertäuben – der Aufwand ist gering, der Informationsgewinn erheblich.

Hinweis: Eine nicht vertäubte Knochenleitungskurve ist bei Seitendifferenzen nur mit großer Vorsicht zu interpretieren. Sie zeigt im Zweifelsfall die Schwelle des besseren, nicht des gemessenen Ohrs.

 

 

MANUELLE VERTÄUBUNG – DIE 40-60-80-REGEL

 

Die 40-60-80-Regel ist eine bewährte Faustregel für die manuelle Vertäubung im klinischen und arbeitsmedizinischen Alltag. Sie definiert einen Startpegel und eine Schrittfolge, mit der in den meisten Fällen schnell ein valider Plateauwert gefunden wird.

VORGEHEN SCHRITT FÜR SCHRITT

  1. Zunächst die Schwelle des Testohrs ohne Vertäubung bestimmen (egal ob LL oder KL).
  2. Prüfen, ob die Entscheidungsregel greift (s. oben). Falls ja, Vertäubung einleiten.
  3. Startregel: Maskierungspegel im Gegenohr auf 40 dB EML (effektiver Maskierungspegel) setzen. Testtон erneut präsentieren.
  4. Liegt die Hörschwelle unverändert: Der Wert ist valide. Messung kann als Schwellenwert übernommen werden.
  5. Verschiebt sich die Schwelle nach oben (Patient hört den Ton erst bei höherem Pegel): Maskierungspegel um 10 dB auf 60 dB erhöhen. Erneut testen.
  6. Erneute Verschiebung: Maskierung auf 80 dB erhöhen. Erneut testen.
  7. Bleibt die Schwelle über einen Maskierungsbereich von mindestens 20 dB stabil, ist das Plateau gefunden. Dieser Wert ist die wahre Hörschwelle des Testohrs (Hood-Plateau-Methode).

Plateau-Methode (Hood): Steigt die Hörschwelle des Testohrs im gleichen Maß wie die Maskierung erhöht wird (1:1-Verschiebung), liegt Übermaskierung vor – die Maskierung dringt selbst auf das Testohr durch. In diesem Fall ist keine valide Messung möglich; das Ergebnis muss als fraglich dokumentiert werden.

 

BESONDERHEIT KNOCHENLEITUNG – MANUELL

Bei der Knochenleitung wird empfohlen, bereits ab dem ersten Messwert zu vertäuben. Startmaskierung entsprechend ebenfalls bei 40 dB EML, Schrittfolge wie oben. Da die interaurale Dämpfung nahezu null ist, muss bei jeder Erhöhung des Maskierungspegels besonders sorgfältig geprüft werden, ob eine 1:1-Verschiebung der Schwelle auftritt (Übermaskierungsgefahr).

 

AUTOMATISCHE VERTÄUBUNG – GLEITENDE VERTÄUBUNG DER AUDIOCONSOLE

 

Die Oscilla AudioConsole bietet eine integrierte gleitende Vertäubung, die den manuellen Stufenprozess weitgehend automatisiert. Sie folgt dabei denselben klinischen Prinzipien wie die manuelle Methode, setzt den Maskierungspegel aber kontinuierlich und schrittweise in Abhängigkeit von der gemessenen Schwelle.

AKTIVIERUNG

■  Die gleitende Vertäubung wird über das Schloss-Symbol in der AudioConsole-Oberfläche aktiviert. Ist das Schloss geschlossen, ist die automatische Vertäubung aktiv.

Hinweis Tastenbelegung: Die genauen Tastenkombinationen zum Aktivieren des Vertäubungskanals können in der deutschen Version der AudioConsole von der englischen abweichen. Orientieren Sie sich an der Bildschirmoberfläche (Schloss-Symbol) und nicht an Tastaturkürzeln aus fremdsprachigen Quellen.

 

EINRICHTUNG IM SETUP – EMPFOHLENE EINSTELLUNGEN

Damit die gleitende Vertäubung auch für die Knochenleitung sinnvoll arbeitet, müssen im Setup der AudioConsole zwei Parameter angepasst werden:

Startpegel KL: Startpegel Knochenleitung: von 40 dB auf 0 dB setzen. Der Standard-Startwert von 40 dB ist für die Knochenleitung zu hoch und würde bei leisen Schwellen sofort zur Übermaskierung führen.

Schrittweite: Schrittweite: von 20 dB auf 5 dB reduzieren. Feinere Schritte erlauben eine präzisere Annäherung an das Plateau, insbesondere bei der KL mit ihrer geringen interauralen Dämpfung.

Wo im Setup: Die entsprechenden Parameter finden sich in den Geräte- oder Messeinstellungen der AudioConsole. Der genaue Menüpfad sollte an Ihrer installierten Version verifiziert werden, da er sich zwischen Softwareversionen unterscheiden kann.

 

ABLAUF MIT GLEITENDER VERTÄUBUNG

  1. Schloss-Symbol aktivieren. Die Software übernimmt ab jetzt die Steuerung des Maskierungspegels.
  2. Messung beginnen wie gewohnt. Die AudioConsole setzt den Maskierungspegel automatisch in 5-dB-Schritten, korreliert mit der ermittelten Schwelle.
  3. Der Untersucher gibt weiterhin die Testtöne vor; die Vertäubungssteuerung im Hintergrund nimmt Stufenerhöhungen selbstständig vor.
  4. Bei Erreichen des Plateaus zeigt die Software den validen Schwellenwert an. Eine manuelle Kontrolle des Plateaus ist jederzeit möglich.

WANN IST DIE GLEITENDE VERTÄUBUNG BESONDERS EMPFEHLENSWERT?

■  Arbeitsmedizinische Reihenuntersuchungen mit hohem Durchsatz – sie spart Zeit ohne Qualitätsverlust.

■  Weniger erfahrene Untersucher, die mit der manuellen Plateau-Methode noch nicht sicher sind.

■  Knochenleitungsmessungen, bei denen die manuelle Vertäubung besonders fehleranfällig ist.

 

ZUSAMMENFASSUNG: ENTSCHEIDUNGSBAUM VERTÄUBUNG

 

Messung

Vertäubung nötig wenn …

Empfohlene Methode

Luftleitung

LL-Schwelle Testohr – beste KL-Schwelle Gegenohr > 40 dB

40-60-80-Regel manuell oder gleitende Vertäubung

Knochenleitung

Seitendifferenz > 5 dB – Empfehlung: immer vertäuben

Gleitende Vertäubung (Setup: Startpegel 0 dB, Schritte 5 dB)

KL bei Übermaskierung

Schwellenverschiebung = Maskierungserhöhung (1:1)

Ergebnis als fraglich dokumentieren; ggf. Überweisen

 

DER WEBER-TEST IN DER AUDIOMETRIE

Praxisanleitung | Durchführung, Befundinterpretation & Untersuchungsstrategie | Oscilla A50

 

WAS IST DER WEBER-TEST?

 

Der Weber-Test ist ein einfacher Stimmgabel- bzw. Knochenleitertest, der zu Beginn einer audiometrischen Untersuchung durchgeführt wird. Er prüft, ob ein Ton, der über Knochenleitung auf die Schädelmitte übertragen wird, in beiden Ohren gleich laut wahrgenommen wird – oder ob er zu einer Seite hin lateralisiert. Dieses Ergebnis gibt dem Untersucher einen ersten, schnellen Hinweis auf Art und Seite einer möglichen Hörstörung und bestimmt, mit welchem Ohr die eigentliche Audiometrie begonnen werden soll.

DURCHFÜHRUNG AM OSCILLA A50

 

Am Audiometer wird der Weber-Test über den Knochenleitungsvibrator (Knochenhörer) durchgeführt, der auf der Mitte der Stirn (alternativ: Scheitel oder Kinn) platziert wird. Wichtig: Das Gerät ist so einzustellen, dass der Ton nicht über Kopfhörer, sondern ausschließlich über den Knochenleitungsvibrator ausgegeben wird.

VORBEREITUNG

■  Knochenleitungsvibrator auf der Stirnmitte positionieren. Der Vibrator muss mittig und fest aufliegen – nicht auf einem der Ohren.

■  Kopfhörer werden für den Weber-Test nicht verwendet und sollten nicht auf den Ohren des Patienten liegen.

■  Stimuluspegel: Startempfehlung ca. 50 dB HL; bei Bedarf anpassen, bis der Patient den Ton sicher wahrnimmt.

■  Frequenz: bei Stimmgabel Kammerton A (440Hz), Knochenleitungshörer: 500Hz.

Hinweis Gerätebedienung: Die konkrete Kanalauswahl und Pegeleinstellung am Oscilla A50 bzw. in der AudioConsole kann je nach Softwareversion und Spracheinstellung variieren. Orientieren Sie sich an der aktuellen Bedienoberfläche. Tastenkombinationen aus anderssprachigen Quellen sind nicht übertragbar.

 

TESTDURCHFÜHRUNG

  1. Patienten instruieren: 'Ich werde Ihnen einen Ton auf die Stirn geben. Bitte sagen Sie mir, ob Sie ihn in der Mitte, rechts oder links hören – oder ob er auf einer Seite lauter ist.'
  2. Ton über den Knochenvibrator (Stirnmitte) präsentieren. Pegel so wählen, dass der Patient den Ton deutlich wahrnimmt. Bügel des Hörers abnehmen (leicht auseinanderbiegen)
  3. Antwort abwarten und dokumentieren: Mitte (kein Lateralisieren), rechts oder links.
  4. Bei unsicherer Antwort: Pegel leicht variieren und wiederholen. Nicht suggestiv fragen ('Hören Sie es eher rechts?').

BEFUNDINTERPRETATION – WAS SAGT DER WEBER-TEST AUS?

 

Das Lateralisierungsverhalten des Weber-Tests erlaubt eine erste Einordnung der Hörstörung, noch bevor das eigentliche Audiogramm vorliegt. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen Schallleitungs- und Schallempfindungsstörung.

WEBER LATERALISIERT ZUM SCHLECHTEREN OHR – SCHALLLEITUNGSKOMPONENTE

Hört der Patient den Ton auf der Seite lauter, die nach eigenem Empfinden oder klinischem Befund das schlechtere Ohr ist, deutet das auf eine Schallleitungsstörung (Außen- oder Mittelohr) auf dieser Seite hin. Der Mechanismus: Das schlechtere Ohr ist durch Umgebungsgeräusche weniger abgelenkt (verminderter Maskierungseffekt der Umwelt) und registriert den über Knochen übertragenen Ton daher intensiver.

Merksatz: Weber lateralisiert zum schlechteren Außen-/Mittelohr. Eine Schallleitungsschwerhörigkeit auf dieser Seite ist wahrscheinlich.

 

WEBER LATERALISIERT ZUM BESSEREN OHR – SCHALLEMPFINDUNGSKOMPONENTE

Hört der Patient den Ton auf der subjektiv besser hörenden Seite lauter, deutet das auf eine Schallempfindungsstörung (Innenohr, Cochlea) auf der Gegenseite hin. Das bessere Ohr mit der intakteren Cochlea nimmt den Knochenleitungsreiz stärker wahr.

Merksatz: Weber lateralisiert zum besseren Ohr. Eine Innenohrschwerhörigkeit auf der Gegenseite ist wahrscheinlich.

 

WEBER IN DER MITTE – KEIN LATERALISIEREN

Kein Lateralisieren bedeutet entweder normales Gehör beidseits, oder eine symmetrische Hörstörung (gleicher Typ und gleiche Ausprägung auf beiden Seiten). Der Test liefert dann keine Seitenaussage; die Audiometrie wird nach Standardprotokoll begonnen.

 

ÜBERSICHT: WEBER-BEFUND UND SEINE BEDEUTUNG

Weber-Befund

Wahrscheinliche Störung

Betroffene Seite

Lateralisiert zur schlechteren Seite

Schallleitungsstörung (Außen-/Mittelohr)

Seite, zu der lateralisiert wird

Lateralisiert zur besseren Seite

Schallempfindungsstörung (Innenohr/Cochlea)

Gegenseite der Lateralisierung

Kein Lateralisieren (Mitte)

Normales Gehör oder symmetrische Störung

Keine Seitenaussage möglich

 

PRAKTISCHE KONSEQUENZ: MIT WELCHEM OHR BEGINNEN?

 

Der Weber-Test dient in der audiometrischen Praxis als Orientierung für die Startseitenentscheidung. Die Regel ist einfach:

Lateralisierung vorhanden: Weber lateralisiert zu einer Seite: Audiometrie beginnt mit dem Ohr, zu dem der Weber NICHT lateralisiert – also dem besseren Ohr. Dessen Schwelle ist leichter und ohne sofortige Vertäubungsnotwendigkeit zu bestimmen und liefert die Referenz für die spätere Vertäubung des schlechteren Ohrs.

Kein Lateralisieren: Kein Lateralisieren: Audiometrie beginnt nach Standardprotokoll, üblicherweise mit dem rechten Ohr.

Warum zuerst das bessere Ohr? Die Schwelle des besseren Ohrs wird benötigt, um zu entscheiden, ob und mit welchem Pegel das schlechtere Ohr beim Test vertäubt werden muss. Beginnt man mit dem schlechteren Ohr, fehlt diese Referenz – und es droht eine Schattenkurve (siehe Anleitung Vertäubung).

 

EINORDNUNG DES WEBER-TESTS IN DEN UNTERSUCHUNGSABLAUF

 

  1. Weber-Test durchführen (Knochenleiter auf Stirnmitte, kein Kopfhörer).
  2. Lateralisierung notieren: links / rechts / Mitte.
  3. Startseitenentscheidung treffen: mit dem Ohr beginnen, zu dem Weber NICHT lateralisiert (= besseres Ohr).
  4. Luftleitungsaudiometrie des besseren Ohrs durchführen.
  5. Luftleitungsaudiometrie des schlechteren Ohrs mit korrekter Vertäubung (40-60-80-Regel oder gleitende Vertäubung).
  6. Knochenleitungsaudiometrie beider Seiten – grundsätzlich mit Vertäubung.

Hinweis: Der Weber-Test ersetzt keine vollständige Audiometrie und liefert keine absoluten Schwellenwerte. Er ist ein orientierender Vortest, dessen Ergebnis durch das Audiogramm bestätigt oder korrigiert wird.

 

 

10  NORMEN, RECHTSGRUNDLAGEN & LITERATUR

 

ArbMedVV – Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge (aktuelle Fassung)

DGUV Empfehlung E LRM – Lärm, 2. Auflage 2024

DIN EN ISO 6189 – Grundlegende Verfahren der Schwellenaudiometrie (Lärm I)

DIN EN ISO 8253 – Audiometrische Prüfverfahren (Lärm II)

DIN EN 60645-1:2018-08 – Akustik: Audiometer – Reinton-Audiometer

DGUV Information 212-003 – Messsysteme zur Bestimmung der individuellen Schutzwirkung von Gehörschutz

Oscilla A50 – Anleitung für den Gebrauch (Id-0227, Rev. 7, März 2023)

AMR 2.1 – Arbeitsmedizinische Regel zu Fristen der Vorsorge

AMR 6.3 – Vorsorgebescheinigung

 

Voss Medizintechnik GmbH  |  Handlungsleitfaden Audiometrie  |  Version 1.0, Juni 2025  |  Erstellt auf Basis DGUV E LRM 2. Aufl. 2024

die neue E LRM: Audiometrie in der Arbeitsmedizin, ein Leitfaden